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Schöne Romane im März
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Schöne Romane im März

Buchtipps von Ellen Pomikalko

Die langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:

Robert Gerwarth, Die Besiegten, Siedler
Hammerhart und sehr aufschlussreich und leider eine gewaltige Beunruhigung für uns heute. Warum am 11. November 1918 zwar der Erste Weltkrieg zu Ende war, das Sterben aber überall weiterging, wird hier in klarer Sprache an den Fakten entlang genauestens und hochspannend erzählt. Die Bedingungen der Siegermächte und die vielen neuen Grenzziehungen erzeugten fast überall autoritäre Regime, die vor blutigen Auseinandersetzungen nicht zurückschreckten und fast folgerichtig auf den Zweiten Krieg zusteuerten. Millionen Menschen wurden in den zwanziger und dreißiger Jahren vertrieben, gefoltert und ermordet, und meistens bildeten sich in den zerfallenden Reichen fanatische Gruppen, die ethnische oder religiöse Säuberungen betrieben. Das manchmal jahrhundertelange Miteinander verschiedener Volksgruppen beendete dann ein Genozid. Es verschlägt einem die Sprache, das nach so vielen friedlichen Jahren bei uns in Deutschland zu lesen und die Parallelen zu erkennen. Wir sehen z.B., wie der türkische Staat aus dem Osmanischen Reich hervorging und wie entsetzlich er und Griechenland die jeweiligen Minderheiten verfolgten, übrigens auch festgehalten in einem eindrucksvollen Kapitel über die Bluttaten von Smyrna in Eugenides großem Roman Middlesex (2003). Bis auf Finnland und die Tschechoslowakei gab es in den Dreißigern keine der 1918 geschaffenen Demokratien mehr unter den Verlierermächten, und mit Hitler änderte sich das auch. Das Buch ist eine große Geschichtslektion, und die andauernde Gewalt in den arabischen Gebieten, die ebenfalls auf die Verhältnisse von damals zurückzuführen ist, sollte uns lehren, den Wiederanfängen zu wehren. Es ist atavistisch, auf ethnische oder religiöse Homogenität zu setzen. Machtgierige und Dumme glauben an Krieg als Erlösung. Er ist das Gegenteil, wie hier überzeugend bewiesen wird. (479 S., 29,99 Euro)

Travis Mulhauser, Sweetgirl, dtv
Der Plot ist schön und gut: 16-Jährige rettet Baby vorm Erfrieren im tiefverschneiten Wald Michigans, findet Hilfe bei einem einsiedlerischen Freund, der leider stirbt, und nabelt sich von ihrer drogensüchtigen Mutter ab. Der anfängliche Feind, ein schrecklich zugedröhnter Unhold, sieht wegen seines toten Hundes ein, wie überflüssig er ist, und das Baby kommt in gute Hände. Das Spannende an dem ungewissen Ausgang, den wir in etlichen Gefahrensituationen miterleben, wäre literarisch fundierter, wenn er nicht zu viele Worte gemacht hätte. Er begründet viel zu viel und bürdet dem Mädchen die rationale Haltung einer Erwachsenen auf, wobei die Schwierigkeit, ein nasses, hungriges Baby mit wundem Po durch den Winter und kalte Hütten zu bugsieren, auch ein bisschen zu geschönt erscheint. Aber ich will nicht nur meckern: Es ist schon aufregende Unterhaltung mit gesellschaftlich relevantem Hintergrund. (253 S., 14,90 Euro)

Katja Kettu, Feuerherz, Ullstein
„Lächerliche, unnatürliche Gedanken blubbern auf der öligen Fläche meiner Psyche.“ „Mir sank der Mut, die Hoffnung verschwand im ewigen Frost, und ich spürte die klammen Scharniere des Himmels als Spannung in meinen Schultern.“ Eine simple Realität ohne Pathos zu erzählen, ist ihre Sache nicht. Die spontane Flucht der jungen Finnin Irga im Jahr 1937 zu ihrem kommunistischen Geliebten „Wolfszahn“ in die UdSSR, wo sie sich bald als angebliche Spionin auf dem Marsch nach Workuta wiederfindet, in dieses monströse Arbeitslager am Rande des Eises, in dem die Aufseher unkontrollierte Gewalt ausüben, bringt wuchtige Sätze und wilde Metaphern zum Wuchern und ist durchsetzt mit Mythen uralter Völker wie der Mari, zu denen nach Stalins Tod und einem Aufstand im Lager einige fliehen können. Die Zustände im Paradies der Arbeiter und Bauern, von denen ständig Nachschub nach Workuta geliefert wurde, wird in einem Brueghelschen Höllengemälde festgehalten, die Kraftsprache enthält viele finnische, russische und Mari-Wörter (mit Glossar) und suggeriert, dass Irgas Sohn dieser neue Zar Wowa (Wladimir) sein könnte. Ein politisches Fantasy-Märchen, das sowohl brutales Grauen als auch Zuneigung und Liebe unter finstersten Bedingungen in expressiver und gleichzeitig zauberischer Form zeigt. (430 S., 20 Euro)

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen, btb
In drei Zeiten spielt der Roman: 1852 in England, 2007 in USA und 2098 in China und erzählt von der Domestizierung der Bienen zugunsten des Menschen, dem weltweiten Aussterben in unserm Zeitalter (was ja keine Science fiction ist) bis zu den Versuchen der chinesischen Diktatur (deren Anführer jetzt übrigens eine Frau ist), die seit 2045 ausgestorbenen Bienen zu ersetzen, indem die Menschen Obstplantagen mit dem Pinsel bestäuben. Dabei lernt man, während man abwechselnd in den drei Familien- und Gesellschaftskonstellationen zugegen ist, viel über die Problematik, ohne sich belehrt vorzukommen. Allerdings ist das Gesamtergebnis dann düster: So sehr sich der Mensch um die Natur bemühen mag, er richtet sie mit seinem Streben nach immer größerer Effizienz zugrunde. Und die Existenz in China ist 2098 nur noch aufs bloße Überleben gerichtet, das viele nicht einmal mehr schaffen, weil es ohne Bienen zu wenig Nahrung für die große Weltbevölkerung gibt. Ich fürchte, es könnte so kommen. Das Buch ist eine bedenkenswerte Apokalypse in unterhaltsamer Form. (508 S., 20 Euro)

Sara Stridsberg, Das große Herz, Hanser
Augenblicke ihrer Kindheit, ihrer Jugend und ihrer Jetztzeit als junge Mutter setzt die Ich-Erzählerin Jackie wie Kaleidoskopteile mal hier, mal da an, so dass wir nach und nach ihre Entwicklung kennen lernen, wobei Wolken, Licht, Blätter, Bäume, Vögel, Wind immer eine große Rolle spielen. Die Erzählung ist in Natur eingebettet, die das Seelenleben widerspiegelt. Denn die Familie hat es schwer, weil ihr Vater trinkt, tagelang verschwindet und nun in einer psychiatrischen Klinik lebt, wo Jackie ihn oft besucht und sich dort heimisch fühlt, während ihre Mutter als Fotografin in der ganzen Welt unterwegs ist. Es ist vom Tod die Rede und ob Jackie die Schwermut ihres Vaters geerbt hat. Als sie ihren Sohn bekommt, hat sie ihren Mann schon rausgeworfen. Die eigentlich düstere Geschichte blitzt durch die Kaleidoskopteilung immer nur mal auf, man nimmt sie als Schicksal hin, so wie Jackie es auch tut. Wir Menschen sind eben schwierige Wesen, die Methoden der Helfer vielleicht grenzwertig. Die Klinik, 1932 gegründet, wird 1995 geschlossen. Den großen Herzen, die Leid sowohl verursachen als erdulden, wird hier ein poetisches Denkmal gesetzt. (317 S., 23 Euro)

Castle Freeman, Auf die sanfte Tour, Nagel & Kimche
Das ist ein feiner Krimi, in dem Lucian Wing, Sheriff eines von 17 Vermonter Gemeinden gebildeten County, uns die neuesten Vorfälle erzählt und dabei seine Arbeitsweise und sich selbst wunderbar charakterisiert. In das Waldhaus von undurchsichtigen Russen wurde eingebrochen, ein nackter Mann, der nicht Englisch spricht, wird an einen Baum gefesselt gefunden. Wie das zusammenhängt und wer der Täter sein müsste, ist Wing klar und seinem Deputy Keen auch. Keen möchte ihn als Sheriff beerben. Sheriffs werden von den Gemeinden gewählt. Und Keen meint, Wing sei zu lasch. Wing hat dem jungen Verdächtigen, dessen Kindheit er kennt, „Spielraum gelassen“ – das ist seine Methode, „das ist Sheriffsein. Als Sheriff verhindert man nicht, dass irgendwas passiert. (…) Die Leute tun, was sie tun wollen. Man lässt es geschehen.“ Man gibt den „bösen Buben“ Gelegenheit, die Kurve zu kriegen, damit sie nicht Sträfling, sondern Steuerzahler werden. Davon rückt Wing auch nicht ab, als er etwas über seine Frau herausfindet, was ihn verhärten könnte. Er grübelt viel, aber noch nie habe ich einen Krimi gelesen, in dem das Grübeln und die private Verfasstheit eines Ermittlers so fabelhaft mit dem Fall verknüpft sind und nicht nebensächliche Zutaten, auf die man auch verzichten könnte. Dies ist ein Gesellschaftsroman, den man mit Gewinn wiederlesen kann. (186 S., 19 Euro)

Die Tipps aus dem Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im Februar