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Schöne Romane im August

Buchtipps von Ellen Pomikalko

Die langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt und bei uns über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:

Lily King, Euphoria, C.H. Beck
Die Frau kann faszinierend schreiben. Die drei Anthropologen, die um 1930 in Neuguinea forschen, sind sich uneins über die Gesellschaftsform der Ureinwohner, auch weil sie kaum ins Innerste der Stämme vordringen, eifersüchtig aufeinander sind und mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten zu tun haben. Das ist aus einer bestechend echt wirkenden historischen Geschichte herauszulesen, die uns in den lebensgefährlichen Dschungel und zu der Erkenntnis führt, dass man nicht mal seinen Allernächsten wirklich kennt, geschweige denn die Denkweise eines fremden Volkes. Der grausame Schluss passt wie die Faust aufs Auge. Ein Buch, das einem nachgeht. (259 S., 19,95 Euro)

Jan Himmelfarb, Sterndeutung, C.H. Beck
Eine jüdische Familie emigriert aus der Ukraine nach Deutschland und kann sich dank der guten Deutschkenntnisse des Ich-Erzählers schnell integrieren. Anlässlich seines 51. Geburtstags rekapituliert er ihr gemeinsames Dasein, bedenkt das Leben an sich und das Schicksal der Juden überhaupt. Mit sanfter Ironie, auch sich selbst gegenüber, und philosophischer Melancholie gewinnt er einer eher unspektakulären Einwanderergeschichte eine tiefere Dimension ab, indem er alles hinterfragt, wobei er sich selbst als Zögernder und Zweifelnder offenbart, ohne dabei je an erzählerischer Leichtigkeit zu verlieren. Das ist ein ganz sympathischer Erstling, der die Schrecken der Vergangenheit in freundliche und dennoch nachhaltige Formulierungen und Bilder übersetzt, seine Figuren keineswegs schont, aber nicht diffamiert, und die Wertigkeit der Familie bei allen Gegensätzen entschieden unter Beweis stellt. Der Roman besitzt durchaus seinen eigenen Ton und bietet viel Gelegenheit zur Reflexion. (394 S., Euro)

Rolf Lappert, Über den Winter, Hanser
Wir wohnen der Besinnung eines mittelalten Mannes und Künstlers auf seine wahren Bedürfnisse bei. In einer vor Terroristen abgeschotteten Feriensiedlung an einem fernen Strand sucht er die angeschwemmten Sachen von Schiffsbrüchen zusammen, um daraus in Deutschland Installationen zu bauen – Sinnbild der Trostlosigkeit moderner Kunst und der Kluft zwischen den Welten. Nach Hause zurückgekehrt, weil seine ältere Schwester gestorben ist, wird seine ziemlich traurige Familiengeschichte enthüllt. Er entzieht sich den Versuchen seiner jüngeren Schwester, ihn an sich zu binden, nähert sich einer Frau, die sich ihm entzieht, und findet eine Aufgabe im Gemeinwohl. Diese Quintessenz ist mit langem Atem gefüllt; wir sehen Lennard Salm in seinem Alltag zu und erkennen in seiner Wandlung vom getriebenen Einzelgänger zum gelassenen Menschenfreund ein Muster für uns alle. Da Salm meist nicht so recht weiß, was er tun soll, und eher reagiert als agiert, haben wir viel Zeit, seine Entwicklung zu bejahen oder zu verneinen, also das Fazit seines Lebens selbst zu ziehen. (383 S., 22,90 Euro)

Doris Dörrie, Diebe und Vampire, Diogenes
Die Ich-Erzählerin ist Studentin, als sie mit ihrem 17 Jahre älteren Geliebten, einem verheirateten Arzt, nach Mexico kommt und am Strand auf eine Schriftstellerin trifft, die ihr zum Vorbild wird. So wie die möchte sie auch werden. Das ist eine verdeckte Satire auf Leute, die unbedingt Schriftsteller sein wollen und außer einem Anfangserfolg nichts vorzuweisen haben, aber eisern an ihrer Bedeutung festhalten. Nach 30 Jahren, davon 15 in einer jetzt gescheiterten Ehe, wird sie von einer mexikanischen Uni zu einem Workshop mit jungen Leuten eingeladen, die zwischen Leben und Schreiben schwanken, wie sie. Die exotische Kulisse und eine souveräne Handhabung der Handlung lassen uns dieser doppeldeutigen, womöglich autobiografisch grundierten Geschichte gern folgen. Moral: Fang bloß nicht an zu schreiben! (216 S., 21,90 Euro)

Tanja Busse, Die Wegwerfkuh, Blessing
Sie wirft Bauern und Verbänden Kritikresistenz vor: „Der entscheidenden Frage, ob die Entwicklung der modernen Landwirtschaft, mit immer mehr Input immer mehr Output zu generieren, wirklich effizient ist, der weichen sie aus.“ Thomas Griese vom Landwirtschaftsministerium RP nennt es „Verschwendungslandwirtschaft“, und dass sie Tierleid und Gesundheitsschäden verursacht, ist belegt. Die Bauerntochter und Expertin informiert uns hier fachkundig und ausführlich über den Strukturwandel nach Vorbild der Industrie. Das ist so lesenswert wie aufregend, weil „im Boden eine Zeitbombe tickt“, deren Entschärfung von den Lobbyisten erbittert bekämpft wird. Obwohl sie weiß: „Für eine grundlegende Reform der EU-Förderpolitik nach ökologischen und sozialen Kriterien bedarf es vermutlich einer Katastrophe der Größenordnung von Fukushima“, schlägt sie überzeugende kleine Änderungsschritte vor, zu denen jeder beitragen könnte. Ich finde ihr Plädoyer fürs Maßhalten wichtig, wichtig, wichtig. (288 S., 16,99 Euro)

Takashi Hiraide, Der Gast im Garten, Insel
Auf die kleinen Dinge achten, die uns Freude machen. Natur und Tiere haben einem kinderlosen japanischen Paar in seiner angespannten Berufstätigkeit nichts bedeutet, bis sie in ein Gartenhaus ziehen und ein Kätzchen kennenlernen. Chibi lässt sie Pflanzen, Vögel, Schmetterlinge, die Jahreszeiten, Wind und Wetter aufmerksamer wahrnehmen. Als die Immobilienblase im Land die Preise hochtreibt, so dass sie nach dem Tod ihres Vermieters nur eine Wohnung im zweiten Stock bezahlen können, schmuggeln sie ein junges Kätzchen ein. Der kleine Roman transportiert neben seiner Natursymbolik auch viel japanische Befindlichkeit. (133 S., 14 Euro)

Lydia Tschukowskaja, Untertauchen, Dörlemann
Im Sanatorium für Schriftsteller, vier Fahrtstunden von Moskau entfernt, hat sie 1949 zum ersten Mal nach dem Krieg ein Zimmer für sich allein und möchte zu sich kommen. Aber unaufhörlich wird sie von den Schrecknissen der Vergangenheit geplagt. Ihr Mann ist im Terrorjahr 1937 abgeholt worden und nicht wiedergekommen, wie so viele. Damals war Winter, hier herrschen auch Eis und Schnee. Mitpatienten mokieren sich über ihre Liebe zu Pasternak-Gedichten, finden die verlogenen Parolen des Schriftstellerverbands richtig, mit denen man „Volksfeinde“ entlarvt, d.h. ausstößt, und ein sympathischer Mann, der auch im Lager war, demaskiert sich. Die Dienstboten haben keinen Zugang zur Kultur, weil ihr Gebiet von Deutschen besetzt wurde – das war ihre Schuld. Und der Antisemitismus wächst. Den ganzen Stalinismus kann man aus ihrer Erzählung herauslesen, die 25 Tage Einsamkeit mitten in winterlicher Natur schildert. 1974 wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, also mundtot gemacht. Ihre Rede von damals ist angefügt. Schöner Sozialismus. (256 S., 18,90 Euro)

Jeffrey Archer, Spiel der Zeit, Heyne
Der Vergleich mit „Downton Abbey“ ist nicht abwegig, denn ebenso faktenreich und lebendig führt uns diese „Clifton-Saga“ die frühere englische Gesellschaft zwischen Hoch und Niedrig vor Augen. Sie spielt ab 1930 in Bristol, wo ein talentierter, aber armer Junge gegen Internatsbrutalos und dank Kapitalistenfreundschaft in bessere Kreise aufsteigt. Bis der Krieg und eine andere Zeit beginnt. Edle Menschen und üble Schurken gibt es auf beiden Seiten des damals noch streng getrennten gesellschaftlichen Parketts, kleine Fehler mit großen Wirkungen begeht jeder mal, und der Zufall tut ein übriges, dass uns nie langweilig wird, die Dramödie zu verfolgen. Ein sehr unterhaltsamer Pageturner, dessen Verfilmung man schon beim Lesen vor sich sieht. (557 S., 9,99 Euro)

Nina Blazon, Liebten wir, Ullstein
Jede Szene genüsslich ausgemalt, damit wir alles hautnah miterleben können. Von einer Ich-Erzählerin muss man das hinnehmen. Fotografin Moira wird durch ihre boshafte Schwester vollkommen aus dem Tritt gebracht. Von einem Familienfest flieht sie mit einer alten Frau nach Finnland. Ihre eigene Geschichte und die der Alten kommen nach und nach ans Licht, und an Äktschn und Suspense und Mirakeln ist kein Mangel. Bis Mo am Ende mit ihrer Schwester Frieden schließt und in der Liebe den Richtigen findet, passiert viel, auch in Finnlands Geschichte, von Mo immer ausführlich kommentiert. Ein Schmöker über das Zu-sich-selbst-Finden im Chaos der Ereignisse und Gefühle. (553 S., 9,99 Euro)

Die Tipps aus dem Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im Juli