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Schöne Romane im April

Buchtipps von Ellen Pomikalko

Die langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben, Hanser Berlin
Zuerst mochte ich es nicht besonders, weil die Autorin über etwas berichtet, das sie für uns analysiert und das ich lieber unkommentiert als erzählte Gegenwart erlebt hätte. Da sie es sehr genau nimmt, kommt man aber mit der Hauptperson Jude bald so eng in Kontakt, dass man einfach nicht aufhören kann, sondern sein vorwiegend mit drei Freunden verbundenes Schicksal, das sich vorzugsweise in New York abspielt, mit herzlicher Anteilnahme aufnimmt, die mich mehrfach zum Weinen brachte. Denn wie ein Kind derart missbraucht werden konnte, geht einem unter die Haut. Jude quält sich sein Leben lang wegen seiner Vergangenheit. Deshalb ist die wunderbare Freundschaft von William ein märchenhaftes Glück, das dieser Roman wohl auch preisen möchte. Selbst manche Unstimmigkeit mit den andern wird immer wieder bereinigt. Es ist ein Epos über die Unwägbarkeit jedes Lebens, abhängig auch von Charakter und Begabung, aber ebenso vom Balsam der Gemeinsamkeit. „Das Leben war beängstigend; es war voller Ungewissheiten. (…) Sie alle suchten Trost, suchten nach etwas, (…) das ihnen half, die furchterregende Größe, die Unmöglichkeit der Welt, die Unerbittlichkeit ihrer Minuten, ihrer Stunden, ihrer Tage auf Abstand zu halten.“ Da alle begabt sind, können sie ihre Ängste kompensieren, und wir Leser mögen ja auch lieber von Erfolgen hören als von Abstürzen à la Sisyphos. Der Roman bindet sogar den Tod erträglich in die Schicksalsporträts ein. Dass er außerdem ein gewaltiges Plädoyer gegen Kindesmissbrauch ist und eine Männerliebe großartig darstellt sowie über das Recht allerhand Wichtiges zu sagen hat und moderne Kunst zur Sprache bringt, ist einer Autorin zu danken, die mit ihrer intensiven Reflektion auch ein intellektuell tiefer gehendes Leseerlebnis geschaffen hat. (958 S., 28 Euro)

Tracy Chevalier, Der Ruf der Bäume, Knaus
Auswanderer in Ohio 1838. James versucht, in Sumpfland eine Apfelbaumplantage durchzukriegen, seine Frau Sadie, die von ihren vielen Kindern schon die Hälfte begraben musste, ist Alkoholikerin und bedroht seine Bemühungen ständig – ein trauriges Biotop, von der in London lebenden amerikanischen Autorin in lebendigen Szenen festgehalten. Der jüngste Sohn flieht nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern gen Westen und kann bei einem Pflanzensammler anheuern, bis ihn sein wechselvolles Schicksal wieder nach Europa führt. Das ist ein gut erzählter und historisch verwurzelter Roman, der viel Wissenswertes über Bäume mit rüberbringt und neben Sachaufklärung ein farbiges Sittenbild malt, weil die Figuren Kontur haben und die Dialoge glaubwürdig sind. Man nimmt ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte auf. Ich habs gern und mit Gewinn gelesen. (317 S., 19,99 Euro)

Michela Murgia, Chirú, Wagenbach
Wie wird man zu dem, der man ist? Die Ich-Erzählerin, eine italienische Schriftstellerin, die auch Theaterstücke schreibt, wirft einen genauen Blick in ihre Kindheit, nachdem sie einen jungen Mann zu ihrem Schüler gemacht hat. Als sie acht Jahre alt war, erfasste sie schon das Wesen ihres Vaters. „Was mein Vater mir nicht verzieh, war das Bewusstsein, das Erkennen seiner Herrschaft, und es war jene Antenne für die Abgründe anderer, die mich dreißig Jahre später, auf einer Terrasse im historischen Stadtzentrum von Cagliari dazu brachte, mit einem achtzehnjährigen Jungen zu Abend zu essen, den ich nie zuvor gesehen hatte.“ Sie analysiert die Beziehung zu ihm, ihre eigene Arbeit und die Trennung, als sie einen Operndirektor kennen lernt und heiratet. Es ist ein sehr privates Bekenntnis und eine sehr intellektuelle Analyse, die uns zu vielen Fragen führt, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Das Rätsel Mensch wird bei jedem Individuum kaum oder nur andeutungsweise gelöst und hängt sehr von den Charakteren ab, die man hier mit unter die Lupe nimmt. (198 S., 20 Euro)

Luca d`Andrea, Der Tod so kalt, DVA
Eine Hälfte des Thrillers gehört der Lebensgeschichte des Ich-Erzählers, die andere dem Fall. Jeremiah, amerikanischer Dokumentarfilmautor, folgt seiner Frau Annelise in ihre Heimat Südtirol und erfährt bei der Arbeit an einem Bergrettungsfilm in den Dolomiten von einer 30 Jahre zurückliegenden Bluttat. In ihrem Dorf gibt es noch Zeugen. Da er bei der Recherche in Gefahr gerät, soll er seiner Frau versprechen, die Sache ruhen zu lassen, was ihm aber nicht gelingt. Unter heftigen Gewissensbissen setzt er die Arbeit fort und dabei auch das Leben seiner über alles geliebten kleinen Tochter aufs Spiel. Die lange reell realistische Szenerie wird am Ende knallig irreal – Stephen King ist sein Vorbild – und bezieht den Mythos eines ausgestorbenen Tieres mit ein. Auch der Täter, er lebt und hat sein Tun im ganzen Roman nicht angedeutet. Die wilde Natur der Bergwelt allerdings ist überzeugend ins Geschehen eingebunden. Lesefutter mit einem eigenwilligen Helden, der aber auch ein herzensguter Familienvater ist (während Annelise eher leidend erscheint). (469 S., 14,99 Euro)

Stefanie Gregg, Duft nach Weiß, Pendragon
In einem Kühllaster flieht die 17-Jährige Anelija aus einem bulgarischen Dorf nach Deutschland und lässt ihr bisheriges Leben bei Oma und Uroma Revue passieren. Sie war fünf, als ihre Mutter floh, weil sie einen Deutschen heiratete. In kurzen Abschnitten wird ihre Erinnerung mit dem Schicksal des Schriftstellers Georgi Markow verkreuzt, der vom Freund des Diktators Schiwkow zu dessen Kritiker wurde. Einfach geschrieben, ist es sowohl individuelle Biografie als Chronik „sozialistischer“ Verhältnisse, die man auch heute noch mit Abscheu liest, denn sogar in der Wahrnehmung des kleinen Mädchens erscheint die Unfreiheit und Unterdrückung der Menschen. Dass unkontrollierte Macht immer ausartet und das Gegenteil des Behaupteten erzeugt, kann man hier hautnah miterleben. Und der Mord an Markow 1987 in London mit einem giftpräparierten Regenschirm ist ein historisches Faktum, Indiz der absolutistischen Willkür; Parallele: Nordkoreas Halbbrudertod kürzlich. (318 S., 15 Euro)

Annette Mingels, Was alles war, Knaus
Eine Vergewisserung der eigenen Identität im Strudel der Ereignisse. Susa weiß, dass sie ein Adoptivkind ist, als sich ihre leibliche Mutter meldet, eine ziemlich ungewöhnliche Frau. Und nun geht das Rätseln los: Was habe ich von ihr, wer ist mein Vater, was habe ich von ihm? Da sie ihre Stiefeltern liebt und sich gerade mit Henryk und seinen zwei Mädchen zusammentut, muss sie allerhand auf die Reihe bringen. Zwar findet sie ihren leiblichen Vater in Amerika, aber nach einem Beinahe-Segelunfall erfährt sie eine Überraschung und muss sich auch über ihr Verhältnis zu Henryk klar werden. Intensiver psychologischer Roman. (287 S., 19,99 Euro)

Joachim Radkau, Geschichte der Zukunft, Hanser
Es fehlte nicht an „Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute“ (Untertitel), und der Geschichtsprof hat sie alle versammelt, damit wir daraus lernen: Nichts Genaues weiß man nie, „die Geschichte der Zukunftserwartungen ist zugleich eine Geschichte der Überraschungen“. Er prüft eine Fülle von Sachbüchern und hat Beispiele „retrospektiver Besserwisserei“ zuhauf, aber z. B. weder Treibhauseffekt, Klimawandel, Wiedervereinigung, Waldsterben oder Gentechnik waren so vorhersehbar, und welche Folgen Facebook oder künstliche Intelligenz u.a. für uns/unsere Kinder haben, ist noch gar nicht zu ermessen. In Bezug auf Roboter sagte 2016 der Vorsitzende der IG Metall, Hofmann: „Wer heute behauptet zu wissen, was dies in zwanzig oder dreißig Jahren im Saldo für die Zahl der Arbeitsplätze bedeutet, kann im Zirkus auftreten.“ Schade, dass die Zwischentitel, wohl um Platz zu sparen, lediglich in Versalienform ohne jeden Abstand in den Fließtext integriert worden sind und so weder Auge noch Gedächtnis Ankerplätze bieten. Es ist ein hochinteressantes Buch über den komplexen Charakter der menschlichen Gesellschaft, die sich bitte nicht in den Abgrund manövrieren soll. Aber das weiß man eben auch nicht vorher. (544 S., 28 Euro)

Die Tipps aus dem Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im März