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Schöne Romane im Mai

Buchtipps von Ellen Pomikalko

Die langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:

Zia Haider Rahman, soweit wir wissen, Berlin
Der Autor reichert das Kaleidoskop, das sich aus der Entwicklung zweier Freunde ergibt, mit vielfältigen Assoziationen aus Mathematik, Literatur und Politik an. So ist der Roman eher eine Kontemplation über die heutige Welt, in der Immigranten sich zurechtfinden müssen. Ihre Eltern kommen nämlich aus Pakistan und Bangladesch. Die beiden leben in London und New York, studieren Mathematik, einer ist Banker, der andere Anwalt geworden, ihre Wege haben sich getrennt und sind wieder zusammengestoßen. In Liebesdingen gibt’s viel Enttäuschendes. Ob das mit ihrer Herkunft oder der Verfassung ihrer Heimatländer zu tun hat, kann der Leser selbst entscheiden. Denn alle west-östlichen Aspekte werden erörtert, der eine Freund hält sich auch lange in Kabul auf, wo der Einfluss des Westens sichtbar wird. Aber nichts ist eindeutig, sondern wird vorwiegend indirekt gesagt, Kritik am westlichen way of life übt er meist unterschwellig, ins tägliche Erleben der Männer eingewickelt. Ich hätte eine straffere und offenere Art bevorzugt. (700 S., 25 Euro)

Doris Knecht, Alles über Beziehungen, Rowohlt Berlin
Warum habe ich diese schonungslose Offenlegung eines Sexsüchtigen zu Ende gelesen? Nicht weil mich seine Rechtfertigungen interessiert hätten, sondern weil die Autorin sie so fabelhaft schildert. Der Arme kann nicht anders! Er lebt von der Lust an und mit Frauen, sein Beruf – er ist immerhin Festivalleiter – bleibt Nebensache. Wie seine mehreren Partnerinnen, mit denen er immerhin fünf Kinder hat, ihn an- und hinnehmen, das ist nicht unsarkastisch wortmächtig beschrieben und lebensecht inszeniert, so dass sein Dasein bei aller objektiven Tristesse für uns Unterhaltungswert hat. Und wenn auf ein Happy end verzichtet wird, ist auch das eine Gewähr für die literarische Qualität. Dass eine noch gar nicht alte Frau so viel psychologische Kenntnis von einem Mannesinnenleben besitzt und die auch noch adäquat ausdrücken kann, ist bewundernswert. (286 S., 19,95 Euro)

Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes
Wie eine sehr natürliche Sache in einer Kleinstadt ins Gerede kommt und zu Ende geht, wird hier ganz gerade und einfach erzählt. Dabei ist das Bedürfnis alter Menschen nach Nähe und Kommunikation eigentlich begrüßenswert und so nachvollziehbar, dass man den erzwungenen Verzicht bedauert und die Engstirnigkeit innerlich ablehnt. Noch immer muss die Jahrhunderte lang von einer Religion verteufelte Sexualität für Ächtung herhalten, die in diesem individuell geschilderten Fall überhaupt nicht zur Debatte steht. Und wenn! Gesellschaftliche Vor-Urteile sind langlebiger als ihre Überwindung durch eigenständiges Denken und mitfühlende Herzen. Eine schöne Geschichte. (197 S., 20 Euro)

Ezekiel Boone, Die Brut. Sie sind da, S. Fischer
Die Vorstellung einer weltweiten Invasion unbekannter fleischfressender Spinnen ist schon gruselig. Der Autor stellt den Ausbruch auf vier Kontinenten vor und lässt die langsame Erkenntnis in realistischen Szenen bei Laien, Politikern und Fachleuten wachsen. Schwerpunkt ist Amerika. Dass China gleich eine Atombombe auf eine Provinz schießt, in der das Grauen passiert ist, wird nur in den Nachrichten berichtet. Auch wenn man mit den Protagonisten, darunter der amerikanischen Präsidentin, in ihrem Alltag bekannt gemacht wird – mir sind zu viele private (= meist Sex-)Beziehungen aufgetischt, die man bei einem solchen Thema eigentlich nicht gebraucht hätte. Interessiert das in solch einer Situation? So ist es eben ein Thriller mit viel human touch, der zwar mit einer Lösung winkt, aber bevor man aufatmen kann, bekennen muss, dass es weitergeht und ein zweiter Teil folgt. Denn das überraschende und für die Welt erlösende Ende ist gar nicht das Ende des Schreckens. Und wenn man an die tatsächlichen Schrecken der Gegenwart denkt – die gehen ja auch weiter. Hier sind sie nur in die Natur verlagert worden. (395 S., 9,99 Euro)

J.D. Vance, Hillbilly-Elegie, Ullstein
Sein Vater ist weg, seine Mutter drogensüchtig und männerverschleißend, in ihrer Familie wird gebrüllt und zugeschlagen. Dass aus dem Jungen, der uns seine Geschichte erzählt, etwas geworden ist und dass er seine geerbten Reflexe beherrschen lernt, verdankt er der Hilfe von Großeltern, Verwandten und Lehrern und nicht zuletzt seiner Frau. Ob der Niedergang der weißen Arbeiterschicht nur vom Verschwinden der (Stahl-)Industrie herrührt und nicht eher einem niedrigen Bildungsniveau geschuldet ist, kann man vermuten. Natürlich ist Armut ein großer Hemmschuh der Selbstentfaltung, aber er gibt auch gute Beispiele aus dem gleichen Milieu. Jedenfalls lernen wir ein armes Viertel in einem heruntergekommenen mittelamerikanischen Staat von innen kennen und sowohl negative wie positive Regulierungsversuche. Ihm wird wie uns klar: Ohne eigenen Willen und Tatkraft kann ein junger Mensch den bösen Sog von Hoffnungslosigkeit nicht überwinden. Und man muss die Fehler seiner Eltern nicht wiederholen. (296 S., 22 Euro)

Ralf Fücks, Freiheit verteidigen, Hanser
Dass wir eine „Revolte gegen die offene Gesellschaft“ miterleben und dass wir die mit aller Kraft verteidigen müssen, wenn wir nicht (wieder) in einer ideologisch gesteuerten Diktatur landen wollen, ist klar. Aber wie? Mir hat es sehr gefallen, mit welcher Verve und Überzeugungskraft der Grüne, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, hier noch einmal Sinn und Ziel einer demokratisch verfassten Gesellschaft und ihrer Antipoden erläutert und wie er vor allem dem „System“ bescheinigt, sich auch an der Bezwingung globaler Hemmnisse zu beteiligen. „Die kapitalistische Produktionsweise ist so erfolgreich, weil sie sich permanent erneuert. (…) Der Kapitalismus ist ein lernendes System, das Krisen in Innovationen verwandelt.“ Wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen prägen ihn wie Öko-Bewegung und Kultur. „Historisch betrachtet, gehen Aufstieg des Kapitalismus und Entwicklung des demokratischen Rechtsstaats in Europa Hand in Hand“, und da „die Demokratie keinen Bestand hat ohne ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Freiheit“, wogegen „die Abschaffung des Privateigentums in die totale Unterwerfung der Gesellschaft unter die Allmacht des Staates“ geführt hat, „sollte man nicht die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln fordern, sondern seine Verallgemeinerung.“ Beispiele auf dem Weg dorthin machen Mut, dass die Entwicklung in die richtige Richtung laufen könnte, wenn wir es nur wollen und viele es auch einfordern. Nach latenter Angst vor einem möglichen tatsächlichen „Ende der Geschichte“ haben mich seine Argumente erleichtert und mit Hoffnung erfüllt. Lesen und mehr wissen! (251 S., 18 Euro)

Emmanuelle Pirotte, Heute leben wir, S. Fischer
Huch, ist das schön … Eine unheimlich spannende Geschichte, 1944 in Hitlers letzter Schlacht in den Ardennen, als der Blick eines kleinen jüdischen Mädchens das Schicksal eines SS-Mannes verändert. Danach denke ich: Was wäre, wenn es ein kleiner Junge gewesen wäre? Aber so musste ich auch nach dem Film „Der Pianist“ denken: Was, wäre er kein Künstler gewesen, der einem deutschen Offizier mit Chopin imponiert, sondern ein Lehrer/Bäcker/Landarzt? Es könnte hier als Ehrenrettung der SS ausgelegt werden, obwohl es im Roman selbst durchaus stimmig zugeht und das Individuelle von Täter und Opfer auch total überzeugt. Aber bei historischem Lichte besehen ist es doch ein Märchen – zu schön, um wahr zu sein. Eine literarische Idee. Wie in Szczypiorskis „Schöner Frau Seidenmann“, die auch von einem SS-Mann gerettet wird. Eine elegante junge Blonde hatte eben Glück, die normale Masse leider nicht. Man sollte dieses Buch, in dem das ganze Grauen der Nazizeit wieder aufscheint, lesen und dabei denken: Hätten nicht viel mehr SS-Leute so handeln können wie Matthias? Und sollten nicht alle Menschen menschlich handeln? Gute Idee. (287 S., 20 Euro)

Die Tipps aus dem Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im April