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Die besten Krimis des Monats

Die Juli-Krimibestenliste der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und von "Deutschlandradio Kultur"

Seit Januar 2017 wird die von Tobias Gohlis gegründete Krimibestenliste von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und von Deutschlandradio Kultur herausgegeben.

Hier die aktuelle Liste aus dem Juli 2017:


An der Spitze der Krimibestenliste Juli 2017 finden Sie auf Platz 1:

Alles so hell da vorn von Monika Geier
1999 betrat Bettina Boll, alleinerziehende Mutter der Kinder ihrer verstorbenen Schwester, Kriminalkommissarin mit halber Stelle, die literarische Bühne und weckte sofort Interesse. So frisch, unverstellt und verspielt war im deutschen Kriminalroman lange niemand mehr gestartet. Monika Geier (Jahrgang 1970) erhielt gleich den (heute leider nicht mehr vergebenen) Marlowe für ein viel versprechendes Debüt. Jetzt, sechs Boll-Romane und einige literarische Seitensprünge später, zeigen sich Autorin und Figur in Bestform.
Alles so hell da vorn verbindet zwei Erzählungen: Die Suche nach einem (wie im Fall Peggy Knobloch) verschwundenen kleinen Mädchen mit der Suche nach Identität einer Frau, die als Kind in die Zwangsprostitution und die dazu gehörende Männerwelt geraten ist. Das Großartige an diesem Buch ist, dass Geier die Zusammenhänge herstellt, aber nicht restlos aufklärt. Die Geheimnisse dieser Form der Gewalt sind wohl - selbst mit so intrikaten literarischen Mitteln, wie in diesem Fall - nicht vollständig erklärbar. Aber neben den bösen (aber nie als Monster gezeichneten Männern) gibt es bei Geier wie im Leben auch die bösen (nie als Monster gezeichneten) Frauen. Fürchte sich, vor wem er kann.
„Im Hintergrund lauert drohend und finster die Feigheit der Provinz, und die Lösung bleibt moralisch notwendig unbefriedigend. Monika Geier beherrscht alle Register: Action und Einfühlung, Satire und tiefere Bedeutung, grandiose Personenzeichnung und elegante Sprache, Pirmasenser Dialekt inbegriffen. Ein selten guter Kriminalroman. Er hat das Zeug zum Bestseller.“ (Tobias Gohlis, DLF Kultur)

Neu auf der Krimibestenliste Juli sind insgesamt sechs Titel. Diesmal sind es je 1 dänischer, 2 amerikanische, 2 englische, und 1 deutscher. Drei Autorinnen, drei Autoren. Mit zusammen 3208 Seiten. Neu dabei sind:

Auf Platz 2: Der erste Stein von Carsten Jensen
Carsten Jensen, geboren 1952 auf der süddänischen Insel Ærø, verfolgt in seinem essayistischen, journalistischen und literarischen Werk im Wesentlichen zwei Themen: den Krieg und die Dänen. Man könnte auch sagen, sie verfolgen ihn. Einem breiteren Publikum wurde er in Deutschland bekannt durch seinen historischen Roman Wir Ertrunkenen (2008). Im Jugoslawienkrieg hat der Professor für Kulturanalyse recherchiert, und mehrmals in Afghanistan. Dort hat er auch das Camp Price mit teilweise dänischer Besatzung besucht und 1988 einen zwölfjährigen Kindersoldaten kennengelernt, der bereits sechs Menschen getötet hatte.
In Der erste Stein begegnet der Junge uns in Gestalt des raffinierten Sharif wieder, einem der wenigen, der auch unter Beschuss die Weitsicht nicht verliert. Anstatt darüber zu grübeln, ob es sich mehr um einen Kriegs-, einen Spionage- oder einen Kriminalroman handelt, könnte man den Roman als Epos lesen, in dem fast alle Handelnden die Übersicht, ihre antrainierten Werte und überhaupt das Gesetz des Handelns verlieren.Zwei Seiten umfasst die Aufzählung der Personen, etliche fünf das im Internet verfügbare Literaturverzeichnis. Der erste Stein ist absolut kein Professorenroman. Jensen schreibt plastisch, klar, hinreißend.
Zunächst herrschen Langeweile und Routine im Camp der dänischen Friedensmission in Helmand. Der Kommandeur, zuvor Bürgermeister einer kleinen dänischen Stadt, glaubt gelernt zu haben, dass die Dinge sich in Afghanistan regeln lassen wie zu Hause, mit Verhandlungsgeschick. Bis ihn die lokalen Mächte austricksen, bis das Gerücht aufkommt, Dschihadisten ermordeten die in der Heimat Angehörige der Soldaten, bis der charismatische Zugführer Schrøder einen Teil des 3. Zugs in eine Taliban-Falle lockt. Von da an handelt Der erste Stein davon, wie die edlen westlichen Werte erodieren: ersetzt durch Rachedurst, im puren Überlebenskampf. Hochspannend. Der erste Stein stellt ganz selbstverständlich die Frage, ob man Krieg und Kriegsverbrechen auseinanderhalten kann.
„Das macht diesen Roman zu einem wichtigen Werk zum Verständnis der Gegenwart: So was passiert, wenn unser Wohlstand am Hindukusch verteidigt wird. Und: Bei der Lektüre denkt man zwangsläufig an die aktuellen Diskussionen über das Leitbild deutscher Soldaten.“ (Tobias Gohlis, DLF Kultur)

Auf Platz 3: Corruption von Don Winslow
Don Winslows neuer Roman Corruption erzählt wie viele vor ihm die Geschichte eines korrupten New Yorker Bullen - Denny Malone - aber nicht aus der heroisierten perspektive tapferer Whistleblower, sondern aus der der dirty Cops selbst. Malone und seine von ihm begründete, quasi ohne Kontrolle operierende Task Force haben einen Drogendealer umgebracht und einen erklecklichen Teil der Beute bei Seite geschafft. Jetzt sind andere Gangster, die vermeintlichen Besitzer des Stoffs und das FBI hinter ihnen her. Mithilfe eines Observationsvideos erpresst das FBI Malone, gegen seine Leute auszusagen. Er wird zur „Ratte“. Korruption gehört zum System, und Malone, der um Leben, Vermögen und Freiheit kämpft, versucht, das zu seinem Vorteil zu nutzen.
In der Jury sind die Meinungen über Corruption geteilt:
„So schwankt die harte Untergangsgeschichte von Corruption immer kurz vor dem Sturz in die Kolportage (Winslows zunehmend klischierte Männer hatten noch nie so schlecht erzählten Sex und so viele Tränen der Reue und der Rührung in den Augen) zwischen kaum literarisiertem Infotainment, kaum verblümtem Meinungsbeitrag, Reiseführer und Essay. Auch sprachlich ist fast alles erloschen, was „Kings of Cool“ tatsächlich so cool machte.“ (Elmar Krekeler, DIE WELT)
„Der 63-jährige Winslow ist nach ein paar Hängern auch wieder in bester Verfassung, Seine Prosa schlägt ein enormes Tempo an, das er auf mehr als fünfhundert Seiten mühelos durchhält, sie ist hart und zugleich elegant, sie hat einen giftigen Witz und durch die kurzen Sätze und die vielen Wortreihungen einen guten Beat. (…) Corruption ist nicht bloß abgründig spannend, es ist auch ein Roman über Freundschaft, Schuld und Verrat – und darüber, wie eine Gesellschaft ihre zentralen sozialen Konflikte politisch nicht bewältigt. Es ist, für alle, die danach ständig rufen: eine ‚Great American Novel‘“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Auf Platz 7: Der Freund der Toten von Jess Kidd
Jess Kidd, 1973 in West London geboren und aufgewachsen im westirischen County Mayo, bevölkert ihren Debütroman Der Freund der Toten mit drei Wesenheiten: mit einer eingreifenden, die Geschehnisse auf ihre Weise regelnde Natur aus Fluss, Sumpf und Wald, mit den Toten des fiktiven Dorfes Mulderrig und mit einem skurrilen menschlichen Personal.
Kidd hat in creative writing über die Frage promoviert, wie unterschiedliche traditionelle Genres in hybride neue Erzählformen überführt werden können - Der Freund der Toten ist der weithin erfreuliche Praxistest.
Vor 27 Jahren wurde die 13jährige Orla, Mutter eines neugeborenen Jungen, am Fluss erschlagen und auf einer Insel verscharrt, die meist unter der Wasseroberfläche verborgen ist. Jetzt ist Mahony, ihr Frauenblicke fangender und die Toten sehender Sohn, nach Mulderrig zurückgekehrt. Ein Brief hat ihn auf die Spur seiner Mutter geführt. Unter der Anteilnahme der manchmal sehr komischen Toten - old Johnnie liebt es, sich nackend im Garten zu sonnen - und mit Unterstützung skurriler Dorf-Außenseiterinnen rüttelt er an den ehernen Festen der Wohlanständigkeit, hinter denen Mord und Kirche übelst verschwistert sind. Wie es sich in Irland gehört, handelt es sich im Kern um einen sehr ironisch, sehr verspielt vorgetragenen Kampf zwischen alter heidnischer Anarchie und den katholischen Kräften der Obrigkeit. Klar, dass die Guten siegen.
„Ein wunderbar ungewöhnlicher Krimi, geschrieben mit viel Humor und Zärtlichkeit für die Personen. Jess Kidd erzählt in einer wunderbaren Sprache – großartig.“ (Jutta Günther, Nordwestradio)

Auf Platz 8: Into the Water von Paula Hawkins
Welch Wunder! Auch dieser Roman handelt von einem Dorf, von unterdrückten Frauen und patriarchaler Gewalt - aber sehr anders. Sogar Tote kommen vor, aber nicht so komische und subversive.
Was genau der Zusatz zum Originaltitel „Traue keinem. Auch nicht dir selbst.“, den der deutsche Verlag Paula Hawkins‘ Zweitling (nach dem Welterfolg von Girl on the Train) beigegeben hat, bedeutet, bleibt nach der Lektüre von Into the Water ein Rätsel.
Die Widmung hingegen ist von didaktischer Eindeutigkeit: „Für alle unbequemen Frauen“. Um eine solche handelt es sich bei der Fotografin Nel. In ihrem fiktiven Heimatort Beckford recherchiert und fotografiert die eingefleischte Schwimmerin wie eine Zoologin mit Kamerafallen nach den Geheimissen des „Drowning Pool“. Dort sind in Jahrhunderten die unbequemen Frauen in den Tod gegangen, oder - wie die „Hexe“ Libby - gegangen worden. Auch in jüngster Zeit. Und jetzt liegt Nel selbst zerschmettert unter der Suizid-Klippe. Der Tod der Unruhestifterin schafft jedoch keine Ruhe, sondern wird zum Katalysator für Ermittlungen und Erinnerungen, die an die Wasseroberfläche drängen.
Auch hier urteilen Jurymitglieder kontrovers:
„Die Männer vergewaltigen, foltern, sind bestenfalls bloß fies, und immer haben sie was zu verbergen. Die Frauen sind Opfer, wissen das, halten aber nicht zusammen, helfen sich nicht. Die Stimmen ähneln sich zu sehr, warum wer wie spricht, wird nicht klar.So funzelt sich Paula Hawkins durch ihr falbes Labyrinth. Das halbe Licht ihrer Literatur reicht immerhin, um alles auszuleuchten, was man wissen muss, alles auszuerzählen. Selten hat man ein derart geheimnisloses Buch über Geheimnisse gelesen.“ (Elmar Krekeler, DIE WELT)
„Hier zündet der postfeministische ‚Frauen-Turbo‘, klar, aber dieses Buch ist alles andere als eine weitere ‚Girls, Girls, Girls‘-Retorte. Im Gegenteil, Into the Water ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt, weil Paula Hawkins etwas kann und etwas will. Das Ergebnis: Ein gewagt komplexer, elegant dramatisierter und toll erzählter, auch atmosphärisch überzeugender Mainstream-Thriller – intelligente Unterhaltungsliteratur auf der Höhe der Zeit.“ (Ulrich Noller, WDR)

Auf Platz 9: Die Lieferantin von Zoë Beck
Von einer riskanteren und politischeren Form der Unbotmäßigkeit erzäht Zoë Beck. Die Lieferantin hat ihren Bruder an gepanschtem Stoff verloren und deshalb einen Handel mit sauberen Drogen aufgezogen. Das passt weder den alteingesessenen Gangsterbanden, noch der konservativen Regierung, die einen Druxit, das totale Drogenverbot, durchsetzen will zur Disziplinierung der Bevölkerung im Rahmen eines nationalistischen Herrschaftssystems.
Zoë Beck entwirft ein düsteres Zukunftsbild Großbritanniens: rotweißblaue Rassistenbanden terrorisieren Schwarze und Frauen, Überwachung und Kontrolle sind allgegenwärtig. Beck entfaltet nüchtern und konzentriert die Konfliktebenen - im Zentrum steht der Kampf einer Gangsterfamilie gegen die freiheitliche Lieferantin und die Bewegung zur Freigabe von Drogen.
Da das Buch am 10. Juli erscheint, gibt es noch keine Rezensionen aus der Jury.

Auf Platz 10: Hard Revolution von George Pelecanos
Der 1957 in Washington D.C. als Kind griechischer Einwanderer geborene George P. Pelecanos ist einer der großen amerikanischen Kriminalschriftsteller. Er ist einer der Autoren der bahnbrechenden HBO-Serie The Wire. Seine Romane zeichnen sich durch eine sehr differenzierte Darstellung der sozialen Bedingungen vor allem der Arbeiterklasse und der ethnischen Minderheiten aus - eine durchaus seltene Haltung in der US-amerikanischen Kriminalliteratur.
Hervorragendes Beispiel für dieses sozialanalytische, moralisch reflektierte und höchst anschauliche Erzählen ist Hard HarHard Revolution. Im Washingtoner Arbeiterviertel Brighton, das zugleich ein Viertel mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit ist, wachsen weiße und schwarze Jugendliche gemeinsam auf. 1959 spielen Rassenprobleme nur am Rande eine Rolle, wichtiger sind schulisches Fortkommen, Sport, kleine Jobs, um Geld fürs Kino zu haben. 1968 haben sich die Konstellationen geändert: Rasse ist ein wichtiges Thema, Martin Luther King bereitet einen zweiten Marsch auf Washington vor, er wird ermordet. Die schwarzen Brüder Strange gehen verschiedene Wege: Derek wird im Rahmen einer modernen Polizeipolitik rasch zum Detective befördert, sein Bruder Dennis ist verkrüppelt aus der Army entlassen und dealt zum Eigenverbrauch. Einige aus der alten Clique hängen perspektivlos herum, andere sind kriminell geworden und schließen sich dem Psychopathen Alvin Jones an. Als ein Schwarzer bei Protesten erschossen wird, kommt es zu Unruhen, in deren Schatten Dennis ermordet wird. Der Mittzwanziger Derek lernt, wie ein Polizist zu handeln, der sich seines Jobs, der Menschenrechte und seiner Abstammung bewusst ist.
Hard Revolution ist der vierte Band einer bisher fünfteiligen Serie um die Washingtoner Privatdetektive und Ex-Polizisten Derek Strange und Terry Quinn. John Harvey, einer der großen alten Männer der englischen Kriminalliteratur, urteilte im Guardian: „Hard Revolution is his most complex and complete novel, in many ways his most satisfying novel so far.“

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