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Schöne Romane im DezemberBuchtipps von Ellen PomikalkoDie langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt (siehe Buchbranchen-Nachrichten) und bei uns über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:Roberto Zapperi “Eine italienische Kindheit” - C. H. Beck 1932 in Catania auf Sizilien geboren, erzählt der mit einer Deutschen (seiner Übersetzerin) verheiratete Historiker, wie er als zehnjähriges Kind die deutschen Soldaten bewunderte, als die Familie wegen der Bombenangriffe nach Lucca und Rom umgezogen war, und wie der Krieg dann auch dorthin kam und ihr Leben beherrschte. Die mit Hitler verbündeten Italiener waren ab 1943 verfolgte Feinde der Deutschen und darüber hinaus alliierten Angriffen ausgesetzt, denen sein geliebter älterer Bruder 1944 zum Opfer fiel. So ist das Buch sowohl Familien- als Geschichtsroman. Dem Knaben, der später Goethes Italienischer Reise nachspüren sollte, werden hier schon die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen seiner archaischen Heimat und dem weltoffeneren Norden Italiens bewusst. Immer bescheiden auf die Kindheitsjahre beschränkt, transportiert sein einfach und schön geschriebener Bericht ein lebendiges Bild jener Zeit und noch viel mehr, so u.a. diese kindliche Vorstellung, auch im Fremden den Menschen zu sehen. Ein offener Geist, eine berührende Lektüre. (176 S., 19,95 Euro) Anna Reid “Blokada” - Berlin Die umfangreiche und genaue Recherche ist in eine großartige Erzählung geflossen. Denn die Belagerung von Leningrad 1941 bis 1944, fast 900 Tage lang, bringt so viele Fakten auf den Tisch, dass daraus auch eine bloße Katastrophenchronik hätte werden können. Die britische Osteuropa-Expertin hat neben den politischen und militärischen Ereignissen beider Seiten und den belegten Tatsachen der Stadtgeschichte auch Memoiren von Leningrader Zeitzeugen und einem deutschen Oberleutnant ausgewertet und all das so gut gemixt, klar gegliedert und glänzend geschrieben, dass sich das Buch wie ein kriminalistischer Gesellschaftsroman liest. Die Perfidie von Hitler und Stalin nehmen sich nichts. Bewundernswert, was Menschen erleiden können. Sie enttarnt sowjetische Mythen, ohne Gift und Galle zu spucken (was man leicht tun könnte angesichts der bodenlosen Unfähigkeit und Terrorherrschaft der Bonzen). Das ist so spannend zu lesen und so aufschlussreich wie nur die allerbesten historischen Bücher. (587 S., 34 Euro) Anatolij Kusnezow “Babij Jar” - Matthes & Seitz Am 19. 9. 1941 ziehen die Deutschen in Kiew ein. Der Opa des elfjährigen Ich-Erzählers freut sich: Endlich ist Stalins Terror vorbei. Große Enttäuschung. Männer und Frauen werden zur Arbeit nach Deutschland geschickt, erst freiwillig, dann von der Straße weg. In der nahen Schlucht Babij Jar knallen Tag und Nacht die MGs. Im Riesenlager Darniza verhungern Tausende russische Kriegsgefangene. Es gibt bald nichts mehr zu essen. Beim Rückzug wird alles verbrannt. Mittendrin der Junge, der sich durchzuschlagen lernt, die Barbarei aber registriert und früh beginnt, das Erlebte aufzuschreiben. Als er dieses Buch 1965 nach Moskau bringt, wird es von der Zensur bis zur Unkenntlichkeit beschnitten. 1969 floh er nach England, wo er 1979 starb. Dies ist seine unverstümmelte Fassung, eine Chronik der Ereignisse in Kiew, hautnaher gehts nicht. Grauenvoller auch nicht. Aber der Überlebenswille ist stärker als die verhassten Diktaturen. Den Menschen, die Unglaubliches durchgemacht haben, setzt er hier ein Denkmal, mit eindringlichen Kommentaren mahnt er Humanität an. (480 S., 24,80 Euro) Josef Bierbichler “Mittelreich” - Suhrkamp Um die Wende zum 20. Jahrhundert bildet sich eine deutsche Mittelschicht heraus, der es gut geht, die Urlaub machen kann. Eine Seewirtschaft in Bayern wird dadurch wohlhabend. Der letzte Erbe in der dritten Generation erörtert in seiner Geschichte der Familie auch immer die gesellschaftlichen Verhältnisse, wechselt zwischen Individuellem und Allgemeinem. Das tut er knorrig und geht auch nicht zimperlich mit seinen Figuren um. Die richten sich, angepasst oder hilflos, in allen Unbilden ein: Nazizeit, Erwartungsdruck der Eltern, klerikale Übergriffe im Internat, Naturkatastrophen. Wichtig ist der Betrieb, der muss weitergehen, mag der Einzelne auch darunter leiden. Zusätzlich passieren den Protagonisten etlche persönliche Tragödien. Mit derber Komik und z. T. bösem Zynismus analysiert und kommentiert der Autor dieses Stück dörflicher Historie, durchzieht es mit einer Befindlichkeit, die der Jüngste am Ende in die Worte fasst: “Die Erde ist keine Heimat.” In dem eher holzschnittartigen Werk gibt es keine Identitätsfigur. Sicher ein Zeitzeugnis, aber düster. (392 S., 22,90 Euro) Carson McCullers “Die Romane” - Diogenes “Das Herz ist ein einsamer Jäger” hat mich in jungen Jahren emotional sehr berührt, “Uhr ohne Zeiger” und andere folgten und sind nun beim Wiederlesen so stark wie damals, weil es ihr gelingt, in privaten Szenen und im Charakter ihrer Personen mehr über den Sinn und die Bedingungen des Lebens zur Debatte zu stellen, als Geschichtsbücher das je könnten. In den Themen ihrer Zeit verbergen sich die von allgemeiner Gütigkeit; sie hat sie in einem klaren und einfachen Stil, der nicht veraltet ist, sozusagen aufbewahrt. Die wunderschöne Kassette mit vier Romanen ist meiner Meinung nach als Geschenk auch für junge Leser das Besondere inmitten der Überfülle an Neuerscheinungen. (1392 S., 69 Euro, auch einzeln) Renate Dorrestein “Alles voller Hoffnung” - C. Bertelsmann Aus Sicht der Betroffenen ist ihr von Behinderung und Einschränkung geprägtes Leben völlig normal. Sie nehmen es hin, wie es ist. Hier hat sich eine scharfsinnige Beobachterin per Präsens in die Klofrau Nettie eingefühlt, deren einzige Tochter Jolie in der Pubertät abgehauen ist und ihr den kleinen Sohn hinterließ. Igor ist jetzt 16, eher einfältig und von aufbrausendem Temperament, aber Oma kann mit ihm umgehen, und gerade hat er sogar Arbeit in einer betreuten Werkstatt gefunden, wo man Jugendliche mit Webfehler richtig behandelt. Das ist ein fantastischer Einblick in fremde Denkstrukturen, beherzt direkt und bar jeder Ironie. Damit wird sowohl ein Stück Lebenswirklichkeit in Amsterdam eingefangen als auch wieder einmal bewiesen, wie fragil die menschliche Gesellschaft im Innern ist. Wer, wenn nicht ein Schriftsteller, kann so in die Köpfe sehen? Netties Permissivität hat einen grausamen Grund, erfahren wir am Ende – ganz unschuldig ist sie nicht an ihrem Schicksal. Sehr spannend und nachhaltig. (318 S., 17,99 Euro) Neil MacGregor “Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten” - C. H. Beck Der Direktor des Britischen Museums und Fachleute erläutern mit Farbfotos Gegenstände, die das Museum seit 250 Jahren gesammelt hat - vom fast 2 Millionen Jahre alten Steinwerkzeug aus Tansania über ägypische Mumien, Maya-Statuen, Jadebeile, Goldmünzen, Helme, Skulpturen und Mosaiken etc. bis hin zur modernen Kreditkarte und Solarlampe - und zeigen damit Einfluss und Verflechtungen menschlicher Kreativität auf. Wir sind ja die einzigen Wesen, die Dinge herstellen, und diese Artefakte erzählen uns große Geschichten über Gesellschafts- und Regierungsformen, Erfindungen, Handel, Kriege, Religionen. Das ist faszinierend und bildend, ein schönes dickes Hausbuch für Wissbegierige, zu Recht überall gelobt. (816 S., 39,95 Euro) Die Tipps vom Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im November |
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