|
Schöne Romane im JanuarBuchtipps von Ellen PomikalkoDie langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt (siehe Buchbranchen-Nachrichten) und bei uns über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:Edward St Aubyn "Zu guter Letzt" Für mich ist dieser fünfte Roman über den vatergeschädigten Patrick der Höhepunkt der grandiosen Familiengeschichte und – natürlich nicht inhaltlich, aber stilistisch – auf einer Ebene mit dem für mich bisher unübertroffenen Favoriten „Zauberberg“ – einfach genial gestaltet. Bei der Beerdigung seiner Mutter wird noch einmal die ganze, in den vorigen vier Romanen dargestellte Tragödie einer schrecklichen Kindesentwicklung rekapituliert, ohne dass die gegenwärtige Situation durch Rückblenden allzu sehr belastet würde. Gleichzeitig hören wir einer Oberklassengesellschaft zu, die man (ich) ziemlich doof findet, sodass der Hoffnungsschimmer am Ende erlösend wirkt: Man kann der Geburtsfalle entkommen! Ich bin sehr angetan von diesem wunderbaren modernen Epos. Simon Sebag Montefiore " Jerusalem" Dieses Buch und die in ihm dargestellte Historie – Wahnsinn! Die erste Hälfte, die die Stadtgeschichte von Jahrtausenden v. Chr. bis zu Napoleons Belagerung 1799 erzählt, erschien mir wie die Bibel: nur Mord und Totschlag, Sex‘n Crime. Die danach folgenden Kapitel „Imperialismus“ und „Zionismus“, die bis zum Sechstagekrieg 1967 reichen, im Epilog erweitert bis heute, enthalten natürlich mehr verbürgte Einzelheiten als die Frühzeit und lesen sich wie ein richtiger Krimi, zumal es in der Neuzeit nicht viel zivilisierter zugeht. „In Jerusalem spielt die Wahrheit häufig eine geringere Rolle als der Mythos.“ Seine Familie war an der Gründung des Staates Israel beteiligt, auch die palästinensischen Notabeln werden ausführlich gewürdigt. Unglaublich sein Wissen, das sich in tausend interessanten Anmerkungen niederschlägt. Hier hat man in nuce die beste Anschauung, was Religionen anrichten. Wahnsinn! Christa Hasselhorst "Eden auf Erden" In diesem sehr schön gestalteten Band mit farbigen Fotos und Illustrationen geht’s um „Die Liebe zwischen Mensch und Garten“ – von den Ursprüngen vor 6.000 Jahren bei den Sumerern zwischen Euphrat und Tigris bis zur heutigen Renaissance des Schrebergartens inklusive Selbstanbauwelle à la Michelle Obama. Geschichte und Geschichten, kenntnisreich und unterhaltsam vorgestellt. ( Zora Neale Hurston "Vor ihren Augen sahen sie Gott" Der kleine Verlag, der zu Unrecht vergessene Frauenliteratur in schöner Leinenbindung ediert und gerade den „Preis für einen bayerischen Kleinverlag“ 2011 bekam, hat dieses 1937 erschienene Werk einer schwarzen Autorin neu übersetzt, um die verwendete Sprechsprache adäquat wiederzugeben. Das ist Hans-Ulrich Möhring ohne Anlehnung an deutsche Mundarten gelungen. Die Atmosphäre einer ländlichen schwarzen Gemeinde Floridas, in der ein Mädchen sein Lebensglück gegen die Konventionen findet, kommt in den verschliffenen Dialogen der einfachen Leute so realistisch wie poetisch zum Ausdruck. Eine tragische Liebesgeschichte von Format, auch weil Politik und Rassismus ausgespart bleiben. Elena Gorokhova "Goodbye Leningrad" Eloquent entfaltet die heutige Linguistik-Dozentin aus New Jersey ihre Kindheit und Jugend im Stalinreich der Sechziger und Siebziger. Obwohl ihre Mutter, eine Ärztin, überzeugte Kommunistin war, erkannte das Kind schon die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis. Sie gibt nur eigene Erfahrungen wieder und verallgemeinert nichts, sodass wir eine realistische Einsicht ins Familienleben im Sowjetsozialismus bekommen. Dort herrschen die Funktionäre und das Dogma, Individualität ist unerwünscht und der Gütermangel flächendeckend. Das liest sich amüsant, weil sie den vielleicht angebrachten Sarkasmus hübsch umschifft. Die Angst vor dem Wagnis, einen US-Bürger zu heiraten, wird ebenso verständlich wie die Sehnsucht der Zurückgebliebenen nach Freiheit. Was unter Putin jetzt aufbricht, kann man nach diesem Buch gut nachvollziehen. Maja Haderlap "Engel des Vergessens " Nach dem Bachmann- Preis bekam sie für dieses Debüt den 2011 erstmals vergebenen Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag für Familienromane. Es ist eine Oma- und Vater-Geschichte aus der Perspektive eines heranwachsenden Mädchens im ländlichen Kärnten, wo die halb slowenische Familie im Krieg die Partisanen unterstützte und blutig büßen musste. Das Kind, 1961 geboren und weitgehend von der bäuerlichen Oma aufgezogen, die als Jugendliche im KZ Ravensbrück gewesen ist, erlebt keine heile Welt, vor allem der Vater gibt ihr Rätsel auf. Für die Zerrissenheit der Eltern, die Wortlosigkeit in der Familie und ihre eigene Unsicherheit findet sie eine bildhafte Sprache, und als sie studiert und der Vater stirbt, kann sie sich schließlich ihren Reim auf alles machen. hr Roman setzt einfachen Menschen ein Denkmal, die sich mit dem komplizierten Leben schwer tun. Milena Magnani "Der gerettete Zirkus " Hier wird Atmosphäre erzeugt, der Blick auf eine ebenso triste wie fantastische Lebensart gerichtet. In einem Romalager am unwirtlichen Stadtrand ist ein Ungar mit geheimnisvollen Kisten angekommen. Vom Anführer misstrauisch beäugt, öffnet der Neue sich den Kindern und erzählt ihnen in langen Nächten die Geschichte seiner Vorfahren. Die Gewalt der Nazis korrespondiert mit der allgegenwärtigen Gewalt im Lager. Nur die Kinder sind vorurteilslos und lassen sich von den Erinnerungen des Ungarn inspirieren. Seine Ermordung wandelt den kaltherzigen Chef, selbst ein gebranntes Kind, und verheißt einen Ausweg aus dem Lagerelend. Ungeschönte Impressionen mit Tiefenwirkung. Robert Harris "Angst" Sehr raffiniert, sehr intellektuell, sehr hightechnisch. Ein hochbegabter Physiker findet die Formel für eine Software, die aus den Ängsten des Marktes Profite errechnet, sekundenschnell und todsicher. Sein Hedgefonds macht Milliardengewinne, die sowieso schon reichen Anleger sind überwältigt. Doch jemand funkt dazwischen, alles droht zu platzen. Wie kann das sein? Die Lösung ist atemberaubend, der Grat zwischen Aberwitz und Wahrscheinlichkeit so schmal, dass man das Geschick dieses Spannungsmeisters bewundern muss. Goethes Zauberlehrling könnte für die metaphorische Bedeutung Pate stehen: Der Mensch ist nicht mehr Herr seiner unglaublichen Schöpfungen. Aktuelles Menetekel. Daniel Zahno "Alle lieben Alexia" Um eine schöne Maskenbildnerin drehen sich die acht Geschichten, ebenso aber auch um die Geschöpfe, die mit ihr zu tun haben, ihr nachstellen oder sich nach ihr verzehren. Meist sind das Männer, mehr wird nicht verraten. Zwischen Realismus und Magie an unterschiedlichen Orten pendeln die Plots, in denen die begehrte Frau eine Rolle spielt, jeder ein kleiner Krimi mit überraschendem Ausgang. Auf das unerschöpfliche Thema Liebe hat dieser Autor sein Augenmerk gerichtet und lässt seine Fantasie spielen, eingedenk der Tatsache, dass jedem Anfang schon das Ende innewohnt. C‘est la vie. Rafael Horzon " Das weiße Buch" Als mir immer wieder Bekannte vorgeschwärmt hatten, wie gut ihnen das Buch gefallen habe, las ich endlich diese Taschenbuchausgabe und war hingerissen von der unerhörten Leichtigkeit, mit der dieser Scherzkeks sein (angebliches?) Leben und Treiben beschreibt. Es besteht aus einer Reihe von Geschäftsideen, mit denen er mehr oder weniger baden geht, ohne jemals den Enthusiasmus für den nächsten Neuanfang zu verlieren. Das ist ebenso wider- wie hintersinnig, ziemlich geistreich und sehr komisch. Vor allem ganz ernsthaft. Sein „Dritter Weg“ öffnet die Augen für die Machbarkeit der absurdesten Einfälle, wenn man nur fest daran glaubt. Am Rande fallen auch allerlei Weisheiten ab: „Die einfachste Lösung ist die beste Lösung“, Ernst H. Gombrich "Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser" Wer diesen Text zu lesen anfängt, kann garantiert nicht wieder aufhören, so begeisternd erzählt der Kunsthistoriker alles Wesentliche über die Entwicklung der Menschheit, und dass er das Buch schon 1935 geschrieben hat, merkt man der überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe überhaupt nicht an. Die ganzseitigen Illustrationen von Kat Menschik passen in ihrem plakativen Expressionismus, der historische Stile einbezieht, wunderbar dazu. Für Jugendliche wie Erwachsene ein ganz tolles Hausbuch. Die Tipps vom Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im Dezember |
|