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Schöne Romane im Februar

Buchtipps von Ellen Pomikalko

Die langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt (siehe Buchbranchen-Nachrichten) und bei uns über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:

Deon Meyer „Rote Spur“
So unzusammenhängend die vier Teile des Romans erscheinen, am Ende ergeben sie ein gestochenes Bild der südafrikanischen Befindlichkeit, und ich habe keine Sekunde den Faden verloren, weil man den Entwicklungsprozess der Figuren miterlebt, in deren Umfeld sich eben vieles nebeneinander abspielt. Vom Genre her ein Thriller, ist das ein Gesellschaftsroman von Rang, und meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Dass man niemandem ganz trauen kann und der Schein oft trügt, lernt jeder mehr oder weniger auch ohne Literatur, aber hier können wir der kriminellen Energie dabei zusehen, wie sie nicht nur Bösewichte ergriffen hat, und müssen vorschnelle Urteile am Ende revidieren. Das ist kein aufs Spektakuläre getrimmtes Schaumgebäck, sondern literarisches Schwarzbrot vom Besten. Darum finde ich die ausführlichen Biografien, in vielen Krimis funktionslos, auch nicht überflüssig.

Elizabeth Taylor „Blick auf den Hafen“
1947 erschienen, entwirft diese Wiederentdeckung das Bild eines englischen Hafenstädtchens kurz nach dem Krieg als impressionistisches Gemälde. Wie hingetupft, wechseln kleine Szenen, die im Hafenviertel passieren und uns nach und nach erkennen lassen, was im Innern der Hauptpersonen vor sich geht. Die scheinbar naturnahe Idylle wird vom (damals noch größeren) Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und individuellen Bedürfnissen geprägt. Eine verbotene Liebe – Ehebruch – erweckt Empörung bei einer Klatschbase und bei einer betroffenen Tochter. Ihre Reaktionen enthüllen beider Charaktere, so wie es auch bei den anderen Personen geschieht: Ihr Handeln und ihre Dialoge und Gedanken zeigen ihre eigene Wertigkeit auf, die deshalb keiner weiteren Erläuterung bedarf. Ein intelligenter, feiner Roman.

Anne Enright „Anatomie einer Affäre“
Eine ganz andere Ehebruchsgeschichte, von heute und total unverblümt. Tausendmal ist nix passiert, aber ein kurzer Blick reicht einige Jahre später zur hochgradigen Verliebtheit für Gina, die ihren Mann nicht richtig liebt, und Seán, der seine Frau auch nicht richtig liebt. Nur seine leicht behinderte Tochter Evie liebt er richtig, und so nimmt Gina sie mit Seán auf, als die Ehen getrennt sind. Ihre Verhältnisse seziert die irische Autorin analog zum Niedergang der irischen Wirtschaft. Denn Wohlstand spielt eine große Rolle für Gina – Liebe schwindet, ein eigenes Haus bleibt. So gekonnt Enright die Ereignisse analysiert und erzählt, so wenig kann sie die Ver- und Entzauberung einer Obsession beschönigen. Es endet immer banal, schade, aber vorhersehbar. Ganz nette, wenn auch vergebliche Warnung vor der Illusion ewiger Hoch-Zeiten.

Julian Barnes „Vom Ende einer Geschichte“
Mehr Essay als Roman. Älterer Mann denkt über sein Leben, seine Freundschaften und Lieben nach. Dabei kommt heraus, dass er die erste Geliebte an seinen besten Freund verlor. Lange nach dessen frühem Freitod hat jetzt eine Erbschaft die abgebrochene Verbindung zu ihr wieder hergestellt, doch die Schöne gibt ihm Rätsel auf. Und die führen zu einer unerwarteten Lösung. Dieser geradezu kriminalistische Schluss ist meiner Meinung nach aufgesetzt, denn er überanstrengt das eigentliche Thema, die Analyse eines sich selbst als mittelmäßig erkennenden Menschen. Zu viele Worte. Aber immerhin Bookerpreis 2011.

Hans Joachim Schädlich „Sire, ich eile“
Die Novelle ist eigentlich eine Biografie Voltaires im Zeitraffer. Seine Besuche bei Friedrich dem Großen und der demütigende Bruch werden etwas ausführlicher beschrieben, aber mehr als die Fakten und Briefzitate sind nicht drin. Der Sachverhalt muss genügen. Seine Meinung zu den beiden Menschen behält der Autor für sich. Die hätte ich aber gern erfahren. So ist nur mein Geschichtswissen aufgefrischt worden. Dichterische Intimitäten sind bei so bekannten Figuren ja auch vielleicht abwegig. Oder?

Frank Westerman „Das Schicksal der weißen Pferde“
Mit der Erinnerung Friedel Brandts an die Flucht am 6. Mai 1945 mit zwei Lipizzanern aus dem militärischen Hengstdepot, das sein Vater in Südpolen leitete, beginnt eine faszinierende Spurensuche. Brandt war damals zehn, und als die Russen die Flüchtlinge stoppten, nahmen zwei mongolische Soldatinnen ihm gleich die beiden weißen Pferde weg. Brandt ist 72 als er den Autor in München trifft und ihm von Hitlers Pferden erzählt, deren Fluchtrouten er kartiert und in seinem Buch „Pferde zwischen den Fronten“ festgehalten hat. Der niederländische Autor, Journalist, der als Kind auf einem Reiterhof den legendären Lipizzanerhengst Conversano Primula kennen lernte, hat alle verfügbaren Zeitzeugen aufgesucht und ist an alle Orte gereist, an denen es Lipizzaner gab oder gibt. Während er die Odyssee der edlen Tiere während des Krieges verfolgt, eröffnen sich ihm auch die abstrusen Zuchtziele der Nazis für ihr Weltherrentum. Der Untertitel „Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts“ ist dank seiner aufmerksamen Verknüpfung von Zeitläuften und Ansichten durchaus gerechtfertigt. Eine Spur weniger detaillierte Dokumentation seiner Recherche hätte ich allerdings noch besser gefunden.

Kjell Eriksson „Offenes Grab“
Obwohl 130 Seiten vergehen, bevor die Polizei mit Ann Lindell ins Spiel kommt, und das offene Grab erst ganz spät befüllt wird, es also kein Krimi mit knackigem Drive ist, habe ich ihn zuende gelesen, erstens, weil ich sein Buch „Rot wie Schnee“ toll fand (Ausländerproblematik), und zweitens, weil der Ausgangspunkt psychologisch interessant ist: Alter (deutschstämmiger) Prof kriegt Nobelpreis, und alle Kollegen in Schweden wie Deutschland sind neidisch. Es braut sich was gegen ihn zusammen, die dunkle Familienvergangenheit kommt ans Licht, der Gärtner des Nachbarn mischt mit – hier schlägt das Böse mal wieder so richtig zu. Den Schlusscoup finde ich zwar grotesk, aber weil es keiner merkt, auch wieder komisch. Alles bleibt offen. Es sei denn, Hund Willie wendet das Blatt . Ein Psycho-Krimi mit langem Atem.

Gianrico Carofiglio „In ihrer dunkelsten Stunde“
Diesmal ist der Fall, den der Anwalt Guerrieri lösen soll, in seinen Arbeitsalltag nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich vollständig eingebunden. So dürfen wir den Tagesablauf des allein lebenden Vierzigers in seiner Heimatstadt Bari hautnah miterleben, lernen viele seiner Fälle kennen, erfahren manches über die Justiz und welche Dinge sie wie verhandelt. Da er ein freundlicher Typ ist und nett aus der Schule plaudert, langweilt man sich kaum dabei, auch wenn die Hauptsache lange gar nicht vorankommt. Aber dann! Seine plötzliche Eingebung, wo das verschwundene Mädchen geblieben sein könnte, ist gut eingefädelt, der Hergang glaubwürdig. Neben der Aufklärung des Kriminalfalls erhalten wir das Charakterprofil eines weichherzigen Mannes. Anwalt Guerrieri wächst uns in diesem vierten Roman noch mehr ans Herz.

Bernard Cornwell „Der Bogenschütze“
Erster Teil der Trilogie „Die Bücher vom heiligen Gral“. Der spielt hier noch keine Hauptrolle, sondern eine alte Lanze, angeblich eine Reliquie vom heiligen Georg. 1342 wird Thomas, der Sohn des Pfarrers (!), jäh aus seinem ruhigen Leben gerissen, als französische Plünderer die Lanze stehlen und sein Dorf an der englischen Küste niederbrennen. Er schwört Rache und wird Bogenschütze beim Earl of Northampton, der den Besitzanspruch des englischen Königs Edward auf Frankreichs Thron im beginnenden Hundertjährigen Krieg unterstützt. Die ungenierte Brutalität damaliger Schlachten wird atemberaubend direkt geschildert. Der Held macht mit und bleibt edelmütig! Sein Schicksal führt ihn immer wieder in scheinbar ausweglose Situationen, die ihn jedoch seinem geheimen Ziel, die Lanze zurückzuholen, ständig näher bringen. Das ist furchtbar spannend, und der Autor versichert, außer zwei Episoden seien alle Fakten historisch belegt. Dabei gibt besonders die gültige Denkweise, stark abergläubisch, viel zu denkenk, sowie der unvorstellbar lange Weg von damals zum europäischen Frieden. Mit der Psychologie seiner Leute hat er es ja nicht so, aber für einen Abenteuerroman reicht sie aus, und der ist alright.

Die Tipps vom Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im Januar