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Schöne Romane im JuniBuchtipps von Ellen PomikalkoDie langjährige BRIGITTE-Redakteurin Ellen Pomikalko schreibt jeden Monat in der Fachzeitschrift BuchMarkt und bei uns über aktuelle Bücher, die ihr ganz besonders gefallen haben:Karl Ove Knausgård „Lieben“ – Luchterhand Was für ein Leben! Total normal, d. h. nicht auffällig besonders, und doch so unverwechselbar individuell wie ein Fingerabdruck. Ist der Roman mit dem Aufkommen des Bürgertums als Manifestation des Individuums entstanden, hat der Norweger nun keine Fiktion mehr bemüht, um die inneren Nöte eines Individuums darzustellen, und siehe da, die eigene Biografie gibt einen veritablen Roman her – wie vermutlich bei allen Menschen, man müsste es nur erzählen können wie er. „Lieben“ ist die Fortsetzung von „Sterben“, in dem er seine Kindheit und Jugend und besonders sein Verhältnis zum Vater nachgefühlt hatte. Ich finde beide Bände faszinierend. Die Kälte des Vaters hat ihn entscheidend geprägt, und der zweite große Konflikt seines Lebens besteht jetzt im Zwiespalt zwischen seinem Schaffensdrang und den Forderungen der Familie. Frau und drei Kinder konterkarieren ständig sein Bedürfnis, in aller Stille zu schreiben, sind auf der andern Seite aber auch der Brunnen, aus dem er sein literarisches Wasser schöpft. Mit Freunden, die ähnliche Probleme haben, bespricht er alles, auch was ihn politisch bewegt, und ihre manchmal ausgedehnte intellektuelle Reflexion läuft nicht nebenher, sondern ist ins Geschehen klug eingebunden. Ich lese das gern und freue mich auf die Fortsetzung. Gefühltes Fazit: Was braucht es auch noch Kriege, um Menschen durchzuschütteln, wenn der alltägliche Wahnsinn dafür reicht? (763 S., 24,99 Euro) Margherita Oggero „Der Duft von Erde und Zitronen“ – DVA Ein ganz und gar unspektakulärer realistischer Roman, jedoch so gut komponiert, dass man immer gefesselter wird und ein authentisches Bild süditalienischer Befindlichkeit erhält. Ein 13-Jähriges Mädchen erzählt und fächert die absolut beklemmende Geschichte mafiöser Verhältnisse auf – nicht vor hundert Jahren, sondern heute. Wie Imma sich emanzipiert und Zivilcourage beweist, ist in diesem Entwicklungsroman fabelhaft begründet. Dass die Autorin ein schon so oft behandeltes Thema ohne jede übertreibende Blockbusterei darstellt und auch noch den Beweis für die aufklärerische Wirkung von Literatur erbringt, ist aller Ehren wert. Sehr zu empfehlen, weil der Roman ein Stück Wirklichkeit auf höchst spannende Art vermittelt. (311 S., 19,99 Euro) Helen Simonson „Mrs Alis unpassende Leidenschaft“ – Droemer Very british ist dieser gemütvolle Roman um einen Witwer, der sich auf die alten Tage noch mal verliebt – in eine Pakistani, die aber längst einheimisch und vor kurzem ebenfalls verwitwet ist. Das Komische an ihrer langsamen Annäherung ist nicht so sehr seine typische Bürgerlichkeit plus Jagdleidenschaft, die ihrem Multikultipakt im Wege stehen könnte, sondern Jasminas Verwandtschaft, die noch in ganz starren traditionellen Bahnen lebt und denkt und die Verbindung mit allen Mitteln hintertreibt. Schade, dass der Originaltitel „Major Peddigrew´s Last Stand“ geändert wurde. Denn „unpassend“ ist das späte Glück nur für ihren hinterwäldlerischen Clan, und die feine Jasmina will sich mitnichten den seriösen Engländer angeln, wie der deutsche Titel suggerieren könnte, sondern beide fühlen sich zueinander hingezogen, und der Roman belegt eher seine Leidenschaft als ihre. Ein ziemlich genaues Sittenbild mit Migrationswunschtraumende. (476 S., 19,99 Euro) Schulamit Meixner „ohnegrund“ – Picus Ein schöner Familienroman, der die Unsicherheit einer jungen Frau zum Gegenstand hat, deren Künstler-Eltern immer wenig Zeit für sie gehabt haben. Von London nach Tel Aviv und zurück führt Amy der Zufall / das Schicksal, und ihre jetzt 9-Jährige Tochter muss sich wieder allein ihren Weg bahnen, denn die kurze Zeit, die ihre Mutter sich an eine breite Brust lehnen konnte, ist längst Vergangenheit, der sozial engagierte Vater vermisst. Die politischen Zeitläufte und die jüdische Wirklichkeit von heute bilden den Rahmen für die unendliche Geschichte, sich seine Familie und die Welt zu erklären, weil jeder seine Geheimnisse hütet und nichts beständiger ist als die Unbeständigkeit. Ich mochte den leicht geschriebenen Roman über die Schwere des Lebens gern lesen. (192 S., 19,90 Euro) Colin Cotterill „Der Tote im Eisfach“ – Manhattan Meine Sympathie für die KrimiRomane um den alten laotischen Arzt Dr Siri und seine Art, mit Verbrechern wie Funktionären fertig zu werden, ist ungebrochen. Kann eine Diktatur Mystik erlauben? Im Prinzip nein, aber da sich die kommunistischen Dilettanten auch auf diesem Gebiet als solche erweisen, gelingt es Dr Siri, einer verfolgten Minderheit mit seinen schamanischen Fähigkeiten zu helfen. Seine tatkräftige Assistentin Dtui vereitelt derweil einen Anschlag auf ihn. Die exotische Szenerie und Siris lockeres Mundwerk lassen die Verhältnisse in Laos als Herausforderung erscheinen, denen man mutig begegnen muss, um sie zu ertragen. Siri ist genau der Richtige, mit einer gehörigen Portion Ironie das zerfallende Land ins rechte Licht zu rücken. Leibliche Genüsse und Liebe sind sowieso außen vor – er findet sie auch unter chaotischen Bedingungen. (284 S., 17,99 Euro) Christian Frascella „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ – Frankfurter Verlagsanstalt Sehr italienisch, diese Selbstbeschreibung eines 16-Jährigen Arbeitersohns mit großem Ego. Frech und hochnäsig legt er sich mit allen an, bis ihn die Liebe bezwingt und sein Ehrgeiz ihm die Erkenntnis verschafft, dass Erfolg nicht alles ist, wenn andere darunter leiden. Die Macho-Überheblichkeit, die derbe Sprache, die einem erst auf den Wecker gehen, verdecken den wahren Kern, den man am Ende erahnt und der den Roman in Italien zum Bestseller machte. Trau keinem unter Zwanzig! (317 S., 22,90 Euro) Husch Josten „Das Glück von Frau Pfeiffer“ – bup Lee hat sich eine Art Kunstprojekt ausgedacht und schreibt Handygespräche von Londoner Passanten mit, um daraus einen Sammelband zu machen. Als sie eine brisante Nachricht hört, will sie helfen und lernt eine 99-Jährige näher kennen. Mit Freund Bruno bringt Lee die alte Dame und ihr Geheimnis nach Südfrankreich. Der Leser bekommt hier mehrere Biografien, Einsichten und Analysen über das z.T. bizarre Leben moderner Menschen geboten. Was daran Zufall ist, steht zur Debatte. (211 S., 19,90 Euro) Martin Walker „Delikatessen“ – Diogenes Diesen vierten Fall für Bruno, Chef de police im Périgord-Städtchen Saint-Denis, habe ich nun endlich mal durchgelesen, die ersten waren mir immer zu problembeladen und erklärungslastig. Das ist allerdings seine Methode. Auch diesmal geht es um vieles: Angriffe von Tierschützern gegen Gänsestopfleber, die Aufarbeitung von ETA-Kämpfen und Racheakten der spanischen Polizei in Südfrankreich, neue Erkenntnisse bei archäologischen Ausgrabungen (unter deutschem Chef!), Intrigen in Brunos Amt, seine Kochkünste und Liebesdinge – ein Reigen ständiger Herausforderungen für den überaus netten Polizisten, der wirklich Gemeinschaftssinn pur verkörpert. So bekommt man neben Gänsehaut (!) auch das Gefühl, an einer Art ländlichem Brennpunkt des Weltgeschehens dabei gewesen zu sein. (401 S., 22,90 Euro) Matti Rönkä „Entfernte Verwandte“ – BasteiLübbe Finnland nach der Wende, windige Gestalten im russischen Grenzgebiet. Ich fand seinen Erstling „Russische Freunde“ schon ganz nett, kam mit der Würdigung damals aber nicht nach. Jetzt habe ich den dritten Krimi um seinen Helden Viktor Kärpä gelesen und möchte die Reihe empfehlen. Es sind keine Actionkrimis, sondern Gesellschaftsbilder im Gewande eines Kriminalromans. Viktor war ziemlich nah dran am kriminellen Gewerbe und bewegt sich da nun raus, na, noch nicht ganz, aber er versucht wenigstens, so legal wie möglich zu handeln. Nicht so einfach bei all den neuen Regeln im Baugewerbe und dem Wettbewerb, vor allem mit russischen Gaunern, Schwarzarbeitern etc. Man liest sich in sein Familien- und Erwerbsleben ein und bekommt einen Teil finnisch-russischer Leidensgeschichte mit. Da jemand dabei draufgeht und Viktor immer mit einem Bein am Abgrund steht, wenn er verdienen will, ist die Geschichte kriminell genug und kann auch gern zweimal gelesen werden, so hintergründig ist sie, keinesfalls einfach zu durchschauen und oft komisch. Der Sozialismus hat jedenfalls keine Spuren in den Hirnen hinterlassen. (249 S., 8,99 Euro)) Die Tipps vom Vormonat finden Sie hier: Schöne Romane im Mai |
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